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Mit diesem Text gewann Jana Simon den Axel-Springer-Preis 2001
Abfahrt Sonnabend, 15 Uhr 03, Gleis 16: Der Saratow-Express macht sich von Berlin auf in den Osten, 2800 Kilometer bis an die Wolga. 48 Stunden fährt der Zug, in dem mit Wodka, Devisen und Geschichten gehandelt wird. Dann steigt Anna Afanassiewa aus, zum letzten Mal. Niemand soll sie sehen in ihrem Abschiedsschmerz. Anna Afanassiewa steht am Fenster und deutet mit der Hand zum Bahnhofsausgang. "Cholodna", es ist kalt, ruft sie ihrer Tochter auf der anderen Seite des Fensters zu. Sie soll endlich gehen, sie allein lassen. Die alte Dame steht da im Abteil, den Körper leicht vorgebeugt, den Blick konzentriert nach unten gerichtet. Sie sieht aus wie jemand, der jeden Moment losheulen möchte, es sich aber im letzten Moment immer wieder selbst verbietet. Bloß kein Theater jetzt.
Es wird ihre letzte Reise nach Deutschland gewesen sein. Sie weiß es, sie hat da so ein Gefühl. Die Beine tun weh, das Herz macht kleine Pausen ab und zu. Anna ist 74. Noch mal den ganzen Weg von Rtischewo, Russland, bis nach Berlin Lichtenberg, zwei Tage hin und zwei Tage zurück endloses Dahindämmern im Zug wird sie nicht mehr schaffen. Sie sieht ihre Tochter auf dem Bahnsteig, die sich ein Taschentuch vors Gesicht hält, und weiß, es ist vielleicht das letzte Mal. Und sie sieht eine Gruppe junger Mädchen, die fette Tüten hin und her räumen. Tüten voll mit "Westen" - Babywindeln, Moulinex-Mixer, Gummibärchen. Daneben wuchten Männer dicke Taschen von Aldi, Einkaufswagen mit Bierflaschen und ein paar Autoreifen ins Innere des Zuges.
Es ist Sonnabend 15 Uhr 03, Gleis 16, Bahnhof Lichtenberg. Der Osten fährt heim. 2782 Kilometer sind es bis nach Saratow an der Wolga. 2782 Kilometer durch Polen, Weißrussland und Russland. 48 Stunden bis in eine andere Welt. Es ist der "längste Zuglauf" von einem deutschen Bahnhof aus.
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